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INNERE UMWELT

Versuch einer ökologischen Spiritualität

Wenn das Great Chief Seattle gesehen hätte: Die Autobahnen wachsen nach Osteuropa, in China sprießen die Fabriken, Hochspannungsleitungen durchziehen den Regenwald. Die industrielle Landschaftsverformung globalisiert sich (rechtzeitig, bevor das Öl ausgeht). Die Materialflüsse schwellen an, Städte wuchern ins Umland. Der ökologische Fußabdruck der Industriegesellschaft nimmt Elefantengröße an.

Doch Material allein macht nicht glücklich. Angstzustände, Allergien, Depressionen und Vereinsamung wachsen parallel zum BIP. Mitunter sogar Arbeitslosigkeit und Armut. Gerade dann heißt es umso lauter: Wachsen. Noch schneller als bisher. Damit die Arbeitslosigkeit zurückgeht, damit Umweltschutz leistbar wird, damit der Euro gegenüber dem Dollar nicht ins Bodenlose fällt.

Und selbst drei Prozent Wirtschaftswachstum werden allmählich fad, das wahre Fieber verlagert sich auf die Börsen und ins Internet, dort liegt die Zukunft und der Profit. Doch während wir gebannt auf den Bildschirm starren, entgeht uns nicht nur, was "draußen" vor sich geht, sondern auch, was sich in uns drinnen abspielt.

Schade, weil: Umweltschutz beginnt im Herzen. Vorausgesetzt, Gott sitzt drinnen. Das haben wir sehr lange gehört, aber kaum verstanden. Denn Gott wohnte der Landmeinung zufolge im Himmel. Diese Auslagerung hat uns nicht nur unserer Göttlichkeit beraubt, sondern auch ein physisch-hierarchisches Autoritätsverständnis zementiert: "Er", der Allmächtige, dort "oben".

Wenn wir nun Gott nicht länger als kreative Person im Dachatelier begreifen, sondern als allen Erscheinungen immanentes Schöpfungsprinzip, dann bedeutet dies, dass Gott in jedem und jeder von uns wohnt, in allen Wesen und Dingen - Gott ist dann überall. Das geht als Prinzip oder Geist leichter denn als Person, weil da müsste Er sich vielteilen.

Diese Sicht ändert einiges: Zum Beispiel findet die Gottsuche nicht außen, sondern innen statt. Gott "von Angesicht zu Angesicht" schauen bedeutet dann, sich selbst zu erkennen, wie es die moderne Psychologie als verlässlichsten Weg zu Glück und Zufriedenheit empfiehlt. Carl Gustav Jung etwa meinte: "Der Sinn des Lebens ist, so zu werden, wie wir sind." Auch Ödön von Horwaths Bonmot: "Eigentlich bin ich ganz wer anderer, nur komme ich nie dazu", spielt auf eine unterlassene Gottsuche in diesem Sinn an. Gott zu finden bedeutet demnach, sein natürliches Potential als Mensch zu erkennen und zu entfalten und es nicht, wie das so oft der Fall ist, durch unnötige Schranken zu behindern: Durch Verdrängungen in der emotionalen Entwicklung; durch Vernachlässigung in der leiblichen Entwicklung; durch ein Übergewicht des Intellekts in der geistigen Entwicklung. Zu letzterer gehört eine stille, aber wache Verbindung zu allen Mitwesen, ein gewisses "Online-Gehen" in der einzig wirklich immateriellen Kommunikation.

Um diese Kommunikation soll es hier gehen. Gehen wir "online", nehmen wir intuitiv Kontakt mit dem Vogel, dem Fels oder der Eiche auf, es findet so etwas wie eine gegenseitige Bestärkung statt, man kann es auch Liebe nennen, die aus der gegenseitigen Wahrnehmung, gegenseitigen Achtung und dem wechselseitigen Sich-Erfreuen am jeweils anderen erwächst: Das Energie-Niveau aller Beteiligten steigt an. (Eine Eiche kann auch als Heizressource oder gar als Weghindernis für die "freie Fahrt" betrachtet werden.) Geht man noch einen Schritt weiter, kann man das Ansteigen des Energie-Levels als "Ernährung" ansehen, zumindest in dem Sinne, dass unser Bedürfnis nach "Erleben" und Ästhetik, aber auch nach sozialem Austausch in Form der beschriebenen Kommunikation gestillt wird. Dann gesellt sich zur "Liebe" Dankbarkeit und - zwangsläufig - eine Art Tötungshemmung gegenüber dem Kommunikationspartner Eiche, Fels oder Vogel. Weiter gefasst: gegenüber der Natur, dem Planeten, der Lebens- und Ökosphäre.



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