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4. An äußere Bestätigung gekoppeltes Selbstwertgefühl:
Im Abendland wird geliebt, wer gehorcht und entspricht. Das Abend- ist das Mutterland der bedingten Liebe. Darum ist die Liebe der Eltern, selbst wenn sie nur zwischendurch empfangen wird, nicht imstande, im Kind ein stabiles Selbstwertgefühl zu verankern - sie ist Belohnung, geheuchelte Zuneigung, jederzeit absetzbar, sobald das kindliche Verhalten von den elterlichen Vorstellungen abzuweichen sich anschickt. Wer mit bedingter Liebe gedüngt und gegossen wird, kann unmöglich ein Wertgefühl für das eigene Wesen entwickeln; dieses ist unerwünscht ist, wenn es sich nicht mit dem offiziellen (normativen) Menschenbild deckt. Man lernt, nur dasjenige in sich wertzuschätzen, was den Eltern recht und billig ist, deren Liebe das allererste Ziel im Kinderleben ist. Bei besonders strenger Sozialmoral wird der Nachwuchs zurechtgestutzt wie ein barockes Gartenbäumchen. Je weniger von der authentischen Persönlichkeit nachgefragt wird, desto gefährdeter ist das Selbstwertgefühl des jungen Menschen; sein Grundbedürfnis nach elterlicher Zuneigung kann dann bis zu völliger Selbstaufgabe und bedingungslosem Gehorsam führen. Nach und nach formt die Summe der seitens der Eltern gewünschten Wesenszüge die falsche Persönlichkeit des liebesbedürftigen Kindes: der Erfolg autoritärer Erziehung. Der bedingt Geliebte achtet sich nur dann, wenn das äußere Umfeld ihn achtet. Er ist dem Fremdurteil auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Selbstverleugnung, Selbstverrat, Konformismus, Gehorsam, Unterwerfung zeichnen das Charakterbild des Menschen, der die elterliche Liebe mit der Aufgabe seines Selbst erkaufen muss. Wer gelernt hat, öffentliches Lob, Orden, Medaillen, Zeugnisse, Noten, Urteile, Belohnungen zu brauchen, um in seinem Selbstgefühl gefestigt zu sein, ist bald bereit, wegen des erhofften positiven sozialen Echos alles zu tun, selbst Mord und Selbstmord (Söldner, Märtyrer).

5. Identifikation mit dem Aggressor:
Eltern, die den jungen Menschen nach ihrem Gutdünken zurechtschleifen, lösen unweigerlich Hassgefühle und Aggression in diesem aus (so ungern dies zugegeben wird in einem Kulturkreis, dessen viertes Gebot vorschreibt, die Erzieher zu verehren; doch keine Maus, die von der Katze in die Ecke getrieben wird, liebt diese; und wer die Kindesseele verstümmelt, ist automatisch dessen Feind). Da der Hass aber nicht ausagiert werden kann (die Folgen wären noch schlimmer), "verteidigt" sich das Kind, indem es die Aggressoren idealisiert und - gemäß deren Selbstbild - für gut, weise, mild und großzügig zu halten lernt (eine Hauptingredienz für Masochismus). Nicht anders ist es zu erklären, dass zahlreiche Kinder brutaler Eltern die Ansicht teilen, sie hätten die "g'sunden Watschen" verdient. Wie um alles in der Welt kann ein Kind Gewalt verdienen?? Dieser Wahn macht nur in einer Gesellschaft Sinn, die Gewalt als probates Mittel zur Konfliktlösung betrachtet (und Strafe mit Gewalt verkettet). Mit ähnlicher Hartnäckigkeit zeigen sich Opfer autoritärer Eltern überzeugt, sie hätten eine "glückliche Kindheit" verlebt. Solch unglaubwürdige Pauschalerinnerungen geben weniger Aufschluss über den tatsächlichen Inhalt der Jugendjahre als über das Kritiktabu, das von den Eltern über ihr Erziehungswerk verhängt wurde. Kinder, die Liebe empfangen haben, zeigen sich viel kritischer ihren Eltern gegenüber. (Dass das von den Autoritären als "Undank" interpretiert wird, zeugt vom Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.) Schließlich sind sich die Untertanen des Naziregimes der haarsträubend lebensfeindlichen Stimmung im politischen, gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Lebensalltag, welche zur Zeit Hitlers herrschte, kaum bis gar nicht bewusst. Andauernd hört man sie schimpfen, daß es dies oder jenes "unterm Hitler net gebm hätt", und nimmermüde verweisen sie auf die glanzvollen Moritaten des starken Mannes, die Autobahnen undsoweiter, aber was die vergiftete soziale Atmosphäre zur damaligen Zeit betrifft, scheinen sie Opfer einer kollektiven Amnesie geworden zu sein.



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